„Future Readiness beginnt nicht bei Technologie, sondern bei geistiger Beweglichkeit“: Transformationsarchitektin Sabine Gromer über KI, Antifragilität und die Zukunft des B2B-Marketings

„In fünf Jahren sind wir obsolet.“ Wer diesen Satz von Sabine Gromer hört, erwartet Alarmismus. Was folgt, ist das Gegenteil: ein klarer, präziser Aufruf zur Neugestaltung – von Rollen, Geschäftsmodellen und Denkvoraussetzungen. Als Transformationsarchitektin und Executive Whisperer arbeitet sie ausschließlich mit Entscheiderinnen und Entscheidern auf Vorstands- und Aufsichtsratsebene.

Am 25. Juni 2026 hält sie beim TAG DER INDUSTRIEKOMMUNIKATION (TIK) im Veranstaltungsforum Fürstenfeld in Fürstenfeldbruck die Abschluss-Keynote „Future Readiness: Think Far – Act Now“. Im Interview gibt sie schon jetzt einen Einblick in ihr Denken.

Sabine Gromer, MagnoliaTree
Transformationsarchitektin, Gründerin

Sabine Gromer ist passionierte Transformationsarchitektin. Sie arbeitet mit Strategieentscheider*innen auf Vorstands- und Aufsichtsratsebene an den Themen strategisches Change Leadership, Top-Team-Gruppendynamik und DEI Advisory. Kernstück ihrer Arbeit ist würdevolle Transformation. Davor war sie knapp 20 Jahre im internationalen Finanzwesen in London, New York, Paris, Hong Kong und Tokyo tätig, zuletzt als Global Head of Organisational Effectiveness, Managing Director bei der Ratingagentur S&P. 

 

bvik: Sie sagen: „In fünf Jahren sind wir obsolet.“ Meinen Sie das als Worst Case?

Sabine Gromer: Das ist nicht mein Worst Case, sondern mein „Base Case“ – eine realistische Beschreibung der Beratungsbranche, wenn wir nicht sehr konsequent umsteuern. Dieselbe Denkübung ist auch für das B2B-Marketing sinnvoll und sollte ernsthaft gegen die eigene Realität geprüft werden. Wenn ich sage obsolet, dann meine ich die bisherige Art, Wert zu schaffen – dort, wo generative Systeme in Bild, Text und Video bereits heute auf einem Niveau arbeiten, das lange als exklusiv menschlich galt. Es reicht nicht, das Bestehende zu optimieren. Die Frage lautet: Was ist der unverwechselbare menschliche Mehrwert, den wir auch in fünf Jahren noch glaubwürdig liefern – und wie sieht ein Geschäftsmodell aus, das diesen Mehrwert skaliert, statt ihn zu kaschieren?

Warum unterschätzen viele Unternehmen die Dynamik von KI?

Das hat mit drei kognitiven Vorannahmen zur menschlichen Wirklichkeitswahrnehmung zu tun: Erstens der „Status-quo-Bias“: Wir erwarten, dass sich Bekanntes wiederholt, und projizieren alte Muster auf neue Technologien. Zweitens der „Optimism-Bias“: Wir unterstellen, dass es gut ausgehen wird, ohne die Implikationen zu Ende zu denken. Drittens der „Confirmation-Bias“: Wir suchen Belege für das, was wir ohnehin annehmen, und ignorieren widersprechende Signale. Ich plädiere dafür, diesen mentalen Schritt bewusst zu vollziehen und zu akzeptieren, dass unsere Erfahrungswerte uns hier in die Irre führen können. Erst dann können wir die Organisation so ausrichten, dass sie nicht nur nachläuft, sondern Gestaltungsspielräume gewinnt.

Was raten Sie Unternehmen konkret im Umgang mit KI?

Definieren Sie Menschen im Team, die sich exklusiv mit KI beschäftigen. Behandeln Sie KI nicht wie eine Suchmaschine, sondern wie eine neue Arbeitslogik, die trainiert werden will. Werten Sie frühe Misserfolge nicht als Gegenbeweis, sondern als Investition in Lernkurven. Setzen Sie auf echte Experimente mit klarer Fragestellung, sauberes Prompting und dokumentiertes Lernen. Verankern Sie die Frage „Was ist unser menschlicher Mehrwert in diesem Prozess?“ in jedem Projekt. Prüfen Sie systematisch, welche Teile Ihrer Wertschöpfung durch Tools beschleunigt werden – und wo Kontext, Urteil und Ethik menschliche Domäne bleiben. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Organisation schnell lernt, anstatt nach zwei Use Cases zu resignieren.

Was bedeutet das speziell für Verantwortliche im B2B-Marketing?

Prüfen Sie die Obsoleszenz-These für Ihr eigenes Feld ernsthaft. Fragen Sie sich, welche Ihrer Leistungen morgen standardisiert und automatisiert erzeugt werden – und orientieren Sie sich dabei an dem, was heute faktisch möglich ist. Positionieren Sie Marketing nicht als „Tool-Bedienung“, sondern als Instanz, die Kundennutzen, Marke und Wirkung zusammenführt. Erklären Sie intern transparent, wie Sie KI nutzen, wo die Effizienz herkommt und wofür Sie die freiwerdende Zeit einsetzen. Und seien Sie bereit, den Preis an Ergebnissen zu messen – nicht an Stunden. So entsteht Handlungsfähigkeit in einem Markt, der Geschwindigkeit und Klarheit belohnt.

Wie definieren Sie „Future Readiness“ – und was ist der Unterschied zwischen Resilienz und Antifragilität?

Future Readiness beginnt für mich nicht bei Technologie, sondern bei der geistigen Beweglichkeit, Annahmen zu wechseln. Dazu gehört, die gewonnene Effizienz nicht zu verstecken, sondern in Qualität, Kontext und Wirkung zu investieren. Resilienz fokussiert sich auf die limitierende Optimierung des Bestehenden. Antifragilität dagegen ist ein System, das an Stress und Herausforderungen wächst, indem es komplett neue Wege und Geschäftsmodelle erschließt. Das bedeutet: vermeintliche Redundanzen aufzubauen, intensiv zu schulen und flexibel zu bleiben. Menschen brauchen ein sicheres Umfeld, in dem sie sich nicht permanent um ihren Job sorgen – und gleichzeitig Reibung und Herausforderungen, um zu lernen und motiviert zu bleiben. Führung muss beides schaffen.

Was bringt uns das Qualitätssiegel „Made in Germany“ heute und in Zukunft – hat es seinen Wert verloren?

Deutschland hat über Jahrzehnte zu wenig in Forschung und Entwicklung investiert – der Fokus lag auf Profitmaximierung. Das rächt sich. „Made in Germany“ ist nun eine Arbeitshypothese, die wir unter neuen Annahmen prüfen müssen. Qualität bedeutet künftig nicht nur Präzision, sondern auch Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und ethisch verantwortlichen KI-Einsatz. Das Label hat eine Zukunft, wenn Ingenieurskunst und wissenschaftliche Strenge mit radikaler Kundennähe, Experimentierfreude und Verständnis für Exponentialität verbunden werden. „Made by Human“ wird sich dabei als zusätzliches Qualitätsmerkmal etablieren – neben KI-Leistungen, nicht gegen sie.

 


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